Die Verwendung und Kombination bereits vorhandener Transaktionen
und Prozesse wird in diesem Abschnitt am Beispiel der Prozesskette
»Order to Cash« veranschaulicht. Prozesse, wie z.B. die Kostenstellenumbuchung
über ein Adobe-Formular, bauen auf vorhandenen Transaktionen
auf und können nach und nach in der bestehenden Landschaft etabliert
werden. Somit ist es möglich, aufbauend auf dem Vorhandenen neue Prozesse
zu entwerfen und schrittweise zu optimieren. Der Order-to- Cash-
Prozess lässt sich auf Seiten von Financials in die einzelnen Prozessschritte
Kreditlimitprüfung, Rechnungsstellung, Einforderung von Geldern und
Zahlungseingang unterteilen. Die nachfolgenden Seiten beschreiben, wie
ein etablierter Prozess schrittweise optimiert werden könnte.
Kreditprüfung
Dieser traditionelle R/3-Prozess ist sowohl in SAP FI als auch in SAP SD
(Sales & Distribution = Vertrieb) etabliert. Gerade weil es sich um eine
traditionelle Vorgehensweise handelt, sollte man diese mit den heutigen
neuen Möglichkeiten auf den Prüfstand stellen.
Diese klassische Kundenkreditkontrolle sperrte bei Ausschöpfung eines
Limits die Auslieferung bzw. Leistungserbringung in der Logistik bis zur Klärung
des Vorfalls. In der Regel telefonierten Buchhaltung und Vertrieb und
versuchten, eine Einigung zu erreichen. Die Buchhaltung verfolgte das Ziel,
die Summe der Forderungsausfälle gering zu halten, und der Vertrieb war
bestrebt, das Geschäft, das relevant für seinen Bonus ist, abzuschließen.
An diesem traditionellen Zielkonflikt ändert auch Software erst einmal
nichts. Es werden aber zusätzliche Hilfestellungen geboten, um auf alle
notwendigen Informationen zugreifen zu können und schneller zu einer
Entscheidung zu kommen. Die Kundenkreditkontrolle war beschränkt auf
ein R/3 SD- und FI-System, in dem entscheidungsrelevante Daten zur
Verfügung standen. In der Praxis benötigt man jedoch eine Gesamtsicht
auf einen Kunden über alle Logistik- und Finanzsysteme hinweg. Unterschiedlich vergebene Debitorennummern in den Vorsystemen müssen zu
einer einheitlichen Kundensicht zusammengefasst werden. Externe
Daten von Ratingagenturen konnten nicht ohne erheblichen Aufwand
eingespielt werden. Kreditlimitveränderungen waren statisch, und Entscheidungen
konnte man in der R/3-Kundenkreditkontrolle nur begrenzt
dokumentieren. Mit dem Ziel, diese Nachteile zu beseitigen, wurde im
Rahmen von mySAP ERP Financials ein neues Credit Management entwickelt.
Rechnungsstellung
Beim Prozessschritt Rechnungsstellung ist traditionell der Rechnungsdruck
bzw. bei hohem Rechnungsvolumen die Übertragung der Rechnungsdaten
mit EDI (Electronic Data Interchange) mit späterem Ausdruck der
Sammelrechnung als R/3-Prozess etabliert.
Mit der qualifizierten elektronischen Signatur kann man die Kosten für
Ausdruck, Briefumschlag und Porto einsparen. Es wird kein Papier mehr
benötigt. Dem muss man die Opportunitätskosten durch den Aufbau
einer technischen Infrastruktur gegenüberstellen. Möchte man die Fixkosten
dieser Investition nicht tätigen, können Service Provider diesen
Prozessschritt im Rahmen eines BPO (Business Process Outsourcing)
komplett übernehmen.
Geld einfordern/Klärungsfälle verwalten
Geld wird heute meistens noch über den klassischen Mahnbrief eingefordert.
Dieses war in der Vergangenheit notwendig, um sich einen Rechtsanspruch
bei Insolvenz des Kunden zu sichern. Im Jahr 2000 hat man mit
dem Gesetz zur Beschleunigung des Zahlungsverkehrs diesen Rechtsanspruch
von Haus aus. Mahnungen haben somit den Status von normalen
Korrespondenzen.
Gelder einzufordern kann aber auch bedeuten, früher in der Prozesskette,
vor Fälligkeit, aktiv den Forderungsbestand zu klassifizieren. Suche
und Priorisierung der zu bearbeitenden Debitorenkonten mittels Arbeitslisten
erlaubten es, Telefonate mit dem Kunden und daraus resultierende
Zahlungsversprechen im System zu hinterlegen. Klärungsbedarf wird im
Voraus erkannt, versprochene demnächst eingehende Zahlungen werden
für das Cash Management sichtbar. Gebrochene Zahlungsversprechen
verschlechtern die Kreditwürdigkeit.
Macht der Kunde einen Zahlungsabzug geltend, sollte dieser schnellstmöglich
geklärt werden können. In einigen Branchen ist es üblich, zuerst
einmal den vereinbarten Preis infrage zu stellen, um nach der anschließenden
Klärung weitere drei Wochen Zahlungsziel gewonnen zu haben.
Hier steckt einiges an Optimierungspotenzial, um das gebundene Kapital
(Working Capital) effektiver zu nutzen.