Im Siemens-Skandal geht es derzeit vor allem um die Aufarbeitung der Vergangenheit. Wie aber wird der Konzern Korruption in der Zukunft vermeiden?
„Als ich meine Arbeit bei Siemens aufnahm, habe ich zunächst einmal die bestehende Compliance-Struktur analysiert. Zwar gab es auf Konzernebene alle notwendigen Regeln, doch diese waren nicht ausreichend in die operativen Bereiche heruntergebrochen“, erinnert sich Andreas Pohlmann an seinen Einstieg als Chief Compliance Officer (CCO) im Oktober 2007. Die Ethikrichtlinien lagen in der Schublade, Compliance war ein Lippenbekenntnis. Seine Aufgabe sei es nun, diese virtuelle Compliance-Organisation durch belastbare operative Prozesse zu ersetzen, so Pohlmann auf einer Veranstaltung vor Compliance-Kollegen. Dass Siemens dies ernst meint, daran zweifelt im Moment niemand. Allein das schiere Ausmaß – 400 Mitarbeiter sollen bei Siemens in Zukunft gegen die Korruption kämpfen – ist ein Indiz dafür, dass sich bei Siemens nicht nur auf dem Papier etwas ändert.Das Wirtschaftsministerium habe sogarschon Bedenken angemeldet, ob die
extrem hohen Standards – sollten sie sich als Best Practice etablieren – nicht der deutschen Wirtschaft schaden könnten, berichtet Pohlmann. Auch die Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) zeigt sich beeindruckt: „Die neue Führung legt nicht nur kurzfristig Hebel um, sondern hat erkannt, dass die Umsetzung des Compliance-Programms eine langfristige Aufgabe ist.“
Der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld habe kurz nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gesagt, dass Siemens in spätestens einem Jahr Vorbild und Benchmark in Sachen Korruptionsvermeidung sein würde. „Da ist der neue Vorstand doch deutlich realistischer“, meint Dr. Peter von Blomberg, Vorstandsmitglied von TI Deutschland.
Vorstandsbekenntnis
Doch wie schaut die neue Compliance-Struktur von Siemens aus? Wie bekommt man das Thema Korruptionsvermeidung in die Köpfe der gut 400.000 Mitarbeiter in rund 190 Ländern? Klar – zunächst braucht es ein Vorstandsbekenntnis: „Nur saubere Geschäfte sind Siemens-Geschäfte“, zitiert Pohlmann den Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher. Doch dies ist so oder ähnlich auch in der Vergangenheit schon oft gesagt worden – und sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Interessanter ist daher, mit welchen Maßnahmen Siemens das Thema Compliance operativ umsetzen will. Ein von Pohlmann vorgestelltes Element ist die Compliance-Komponente im Bonus-System. So würde in Zukunft beispielsweise die im Rahmen einer Umfrage ermittelte Wahrnehmung der Mitarbeiter in die Berechnung des variablen Gehaltsteils einbezogen. Auch die Umsetzung der Compliance-Maßnahmen würde in Form eines „Milestone-Trackings“ überprüft. Ein weiteres Element sind Compliance-
Reviews. „Diese werden mindestens quartalsweise in den einzelnen Geschäftseinheiten erstellt und dann bottom-up zusammengeführt“, erläutert Pohlmann. „Beteiligt sind neben den Compliance-Officern auch immer CEO und CFO der jeweiligen Ebenen. Denn complianceverantwortlich ist das Management. Die Compliance-Officer können nur die Prozesse steuern“, meint Pohlmann.
Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen
Dabei stößt der neue CCO – trotz der Skandale – nicht nur auf Verständnis für die neuen Anforderungen: „Die Mitarbeiter sind verunsichert. Für viele Mitarbeiter sind die neuen Regeln nicht immer leicht verständlich. Auch Klagen über zu viel Bürokratie gibt es“, erzählt Pohlmann. Um das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen, setzt Pohlmann vor allem auf Kommunikation: So bekommen Mitarbeiter, die im Kontakt zu öffentlichen Auftraggebern stehen, spezielle Ganztagestrainings, es gibt Schulungen zu der Compliance in der Projektgenehmigung und Einführungsprogramme für neue Compliance-Officer. Doch nicht nur die Top-Bottom-Kommunikation ist wichtig: Pohlmann will auch verstehen, welchen Problemen die Mitarbeiter in ihrer täglichen Arbeit tatsächlich gegenüberstehen. Hier hätten sich die sogenannten Skip-Level-Meetings bewährt, so der CCO.
„Den Job wollte ich nicht haben!“
Siemens tut derzeit viel, um sein ramponiertes Image wieder herzustellen. Und auch wenn sich für jede einzelne Maßnahme sicherlich Gegenargumente finden lassen und sich erst in den kommenden Jahren zeigen wird, ob das Compliance-Programm hält, was es verspricht, scheint Siemens den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: „Wir haben den Eindruck, dass Siemens tatsächlich Maßstäbe für die deutsche Wirtschaft setzen könnte“, meint von Blomberg. Pohlmanns Kollegen beneiden den Siemens-CCO trotz seines gewaltigen Budgets jedenfalls nicht: „Den Job wollte ich nicht haben!“, so ein Compliance-Verantwortlicher im Anschluss an Pohlmanns Präsentation.